Vollständige Version anzeigen : Ein kleiner Praxis-Leitfaden für Einsteiger
wolfgang_r
17.10.2010, 19:29
Ein kleiner Praxis-Leitfaden für Einsteiger
Grundlagen für technisch gelungene Fotos
Hier habe ich ein paar Tipps für technisch gelungene Bilder (oder was ich
unter technisch gelungenen Bildern verstehe) zusammengestellt. Diese Tipps
spiegeln meine persönliche Arbeitsweise wieder, die natürlich nicht für jeden
gelten muß. Jeder hat so seine Vorlieben und Erfahrungswerte und es gibt auch
andere Möglichkeiten um zum Bild-Erfolg zu kommen. Viele Dinge beim fertigen Bild
sind reine Geschmacksache, wie die Gestaltung von Vorder-, Mittel- und
Hintergrund, Aufteilung (Stichwort "Goldener Schnitt"), Schärfeverlauf
(Stichwort "Freistellung") und noch einiges mehr was unter den Begriff
"Bildgestaltung" fällt. Basis für ein Bild ist aber erst einmal die technische
Qualität, die ich mit meinem Werkzeug Kamera plus Objektiv erreichen kann.
Vieles kann man nach der Aufnahme noch mit einer Bildbearbeitungssoftware
verändern bzw. an den eigenen Geschmack anpassen, was aber bei der Aufnahme
nicht gespeichert wurde, kann man nachträglich nur bedingt korrigieren oder
kaschieren.
Meine Vorzugsmotive sind Landschaften und Makros, oder alles was unter
den Begriff "Naturfotografie" fällt. Darauf will ich mich hier konzentrieren.
Grundsätzlich gelten die Tipps aber für die gesamte Fotografie. Alle anderen
Anwendungsgebiete wie Sachfotografie, Porträtfotografie, Industriefotografie,
Hermanns Spezialgebiet Bunkerfotografie ;-), Streetfotografie, Wildlifefotografie
usw. haben mit meinen Hauptanwendungsgebieten eines gemeinsam, die Technik muß stimmen.
Ich gebe es auch zu, ich bin faul. Das heißt, ich habe nicht das Bedürfnis
nach einer Fotosession oder einer mehrwöchigen Reise hunderte von Bildern
nachträglich zu bearbeiten. Mein Ziel ist es, mit "Jpeg out of cam" das bestmögliche
Ergebnis zu erzielen. Natürlich sind auch manchmal nachträgliche Korrekturen
nötig. Das läßt sich nicht vermeiden. Mit ein wenig Überlegung VOR der Aufnahme
(wenn man die Zeit dazu hat) kann man diesen Aufwand minimieren. Wenn es dann
bei der einen oder anderen Aufnahme mit ein zwei drei Mausklicks erledigt
ist bin ich zufrieden.
Die Voraussetzungen dazu heißen:
Eine verwacklungsfreie Kamerahaltung (auch mit Stabi noch ein Thema)
Die passende Kamera-Grundeinstellung
Die richtige Belichtung
Der korrekte Weißabgleich
Immer mit Streulichtblende
Vielleicht kann ich mit meinen Ausführungen der/dem einem oder anderen
Hobby-Fotograf/in/en, die mit ihren Ergebnissen nicht zufrieden sind,
zu technisch guten Bildern verhelfen.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:30
Eine (möglichst) verwacklungsfreie Kamerahaltung.
Weil ich wie wohl die meisten Hobbyisten bei Touren meistens ohne Stativ
unterwegs bin, konzentriere ich mich hier auf die Freihandfotografie.
Wenn man die bestmögliche Schärfe für seine Aufnahmen sicherstellen will,
dann geht nichts über ein Stativ, auch zu Zeiten des Stabis. Ein Einbeinstativ
ist immer noch besser als gar keins.
Die rechte Hand umfasst soweit möglich vollflächig den Griff. Die linke Hand
unterstützt möglichst mit der ganzen Handinnenfläche das Objektiv bei
Teleobjektiven resp. langen Zooms so, dass Zoom- und/oder Fokusring bequem
bedient werden können. Bei kurzen Objektiven liegt dieses im V zwischen
Daumen und Zeige/Mittelfinger. Beide Ellenbogen werden an den Körper gezogen
und auf der Brust aufgestützt. Bei Aufnahmen mit meinem schweren
Teleobjektiv ändere ich diese Grundhaltung jedoch ab. Ich hebe den linken
Unterarm abgewinkelt nach der Seite an und lege das Objektiv in die
Ellenbogenbeuge. Die linke Hand mit an den Zeigefinger angelegtem Daumen
umfasst den rechten Arm knapp hinter dem Handgelenk. Der rechte Arm wird
wieder fest an den Körper herangezogen. Schussrichtung ist also halb
seitlich. Das ergibt eine sehr stabile Kamerahaltung. Wenn ich aus der Hocke
fotografiere, kommt das rechte Knie auf den Boden und das linke wird
aufgestellt. Dann stütze ich den linken Ellenbogen auf dem linken Knie
oder Oberschenkel auf. Der dritte Punkt zur Stabilisierung ist der Kopf.
Die Kamera drücke ich immer an Stirn und Nase bzw. rechte Wange. Damit hätten
wir schon mal die Grundlage für eine stabile Dreipunktlagerung geschaffen.
Bei meinen Bergwanderungen zum Beispiel gibt es öfter mal zu wenig Licht.
Bei wirklichen Langzeitbelichtungen ist es keine Frage, ein Stativ muss sein.
Wenn solche geplant sind, dann muss man halt in der sauren Apfel beißen
und das Dreibein mitnehmen. Bei Belichtungszeiten von bis zu 1/4 Sekunde lang
kann man dank Stabi, wenn vorhanden, auch ohne Stativ zu verwacklungsfreien
Aufnahmen kommen, sofern die Brennweite nicht zu lang ist. Beim FT-Kurztele
50mm ist auch eine 1/10 Sekunde noch drin. Entweder gab es irgendwo einen Pfahl
von einem Zaun oder einen herumliegenden Ast, den ich als Stativersatz verwenden
konnte, oder ich habe einfach einen meiner Tourenstöcke benutzt. Dazu umgreife
ich den Stock am Griff mit der linken Hand und lege die Streulichtblende in das
linke Handgelenk. Die Streulichtblende deshalb, weil der "Wackelwinkel" dann am
kleinsten ist. Die Ellenbogen an den Körper gezogen und die Kamera ans Gesicht
gepresst ergibt das eine sehr bewegungsarme Haltung. Den Rest macht der Stabi.
Jetzt kommen wir zur Auslösetechnik. Die habe ich bei den Luftgewehrschützen
gelernt. Ich habe als Jugendlicher selbst mal geschossen. Das Wichtigste
daran ist, dass man seine Atmung unter Kontrolle haben muß. Der Körper bewegt
sich durch die Atmung und den Herzschlag mehr als man denkt. Nach körperlicher
Anstrengung sollte man sich eine kleine Verschnaufpause gönnen, wenn keine Eile
für das Bild besteht. Vor dem Auslösen ruhig atmen, nach dem Einatmen ruhig
halb ausatmen, innehalten und fokussieren und auslösen. Dabei den Auslöser
sanft durchdrücken um ein Verreißen der Kamera zum Auslösezeitpunkt zu vermeiden.
Nur keine Hektik, die zehntel Sekunde hat man immer Zeit. Lieber ein scharfes
Bild einen Tick nach dem optimalen Zeitpunkt (die Landschaft läuft ja nicht weg),
als ein verrissenes zum optimalen Zeitpunkt.
Nach einiger Zeit geht das alles automatisch und man wundert sich, wie wenig
Aufnahmen man auf diese Weise verwackelt. Mit einiger Übung klappt das auch
bei körperlicher Anstrengung, was beim Bergsteigen ja vorkommen soll.
Das alles nützt aber nichts, wenn die Belichtungszeit einfach zuuu lang ist.
Dann muß man eben die Empfindlichkeit (ISO) erhöhen oder wenn noch möglich
die Blende weiter öffnen, um zu "haltbaren" Belichtungszeiten zu kommen.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:31
Die persönliche Kamera-Grundeinstellung.
Eine nicht unwichtige Vorarbeit. Dazu gehört auf alle Fälle, dass man mit
seiner Kamera Erfahrung sammeln muß. Es gibt je nach Marke unterschiedliche
Philosophien in der Belichtungssteuerung und den Grundeinstellungen von
Kontrast, Schärfung, Farbsättigung, Farbabstimmung, um die wichtigsten zu
nennen. Grundsätzlich kann man jede moderne DSLR sehr umfangreich auf die
persönlichen Vorlieben einstellen. Farbsättigung und Farbabstimmung werden
sehr individuell empfunden und können mit Hilfe der Bedienungsanleitungen
dem eigenen Geschmack angepasst werden. Die Zeit dazu sollte man sich nehmen,
wenn einem die Kameravoreinstellungen nicht von vorn herein 100%ig zusagen.
Ich will hier auf die Mess- und Aufnahmemodi, ISO, Belichtungszeit, Blende,
die kamerainterne Schärfung und die Kontrasteinstellung eingehen, weil ich
diese Kriterien für die wichtigsten halte.
Aufnahmemodus (A, S, P, M):
Mein bevorzugter Aufnahmemodus ist A, Aperture-Priority, d. h. Blendenvorwahl
mit Zeitautomatik.
Den Modus M, manuelle Einstellung von Zeit und Blende, verwende ich bei
Langzeitaufnahmen (Nacht) oder anderen speziellen Fällen.
Der Modus S, Shutter Priority, d. h. Zeitvorwahl mit Blendenautomatik ist
geeignet für Motive die über die Belichtungszeit kontrollierte Bewegungsunschärfe
verlangen, also z. B. Sport und Wasserfälle.
Der Modus P, Programm-Automatik, stellt Zeit und Blende automatisch ein und
ist zum unbeschwerten Fotografieren gedacht. Ich halte nicht viel davon,
einer Automatik alles zu überlassen. Wenn die Kamera jemand anders in die Hand
gedrückt wird von dem man nicht weiß welche fotografischen Grundkenntnise vorhanden
sind, kann das jedoch eine Möglichkeit sein, die gröbsten Fehler zu verhindern.
Messmodus:
Das ist ein nicht ganz triviales Thema. Man muß es im Zusammenhang mit
dem Thema "richtige Belichtung" betrachten. Belichtungsmesser sind so
ausgelegt, dass eine neutralgraue Fläche mit 18% Reflexion die "richtige"
Belichtung ergibt. Aber was ist schon richtig, ich hätte es vielleicht
gerne etwas heller oder dunkler, oder die hellen oder dunklen Bereiche
im Bild sollen überwiegen oder was auch immer. Es bleibt also nichts
anderes übrig, als selbst zu entscheiden, was im Bild wie belichtet
werden soll. Automatiken sind grundsätzlich erstmal dumm, sie wissen
nicht, was mir im Bild wichtig ist und wie ich es darstellen will.
Für Schnappschüsse ist die Methode "Matrixmessung" oder "ESP" oder
"Ganzfeldmessung" geeignet, oder wie auch immer diese das ganze Bildfeld
berücksichtigenden Messmethoden bei den verschiedenen Marken heißen.
Ob +/- -Korrekturen notwendig sind muß man austesten. Das kann bei
verschiedenen Kameras unterschiedlich sein. Eine kleine Korrektur
nach -0,3 oder -0,7 EV schadet meistens nicht bei starken Kontrasten
und verhindert ausbrennende Lichter (extrem überbelichtete Stellen, die
nur noch als weiße Fläche erscheinen). Wenn große Bereiche des Motivs
sehr hell sind, ist es meist so, dass das Gesamtbild zu dunkel wird.
Wenn groß Flächen des Motivs sehr dunkel sind, ist es gerade anders
herum, das Gesamtbild wird meist zu hell. Wenn man sich nicht sicher ist
macht man eben mehrere Aufnahmen mit verschiedenen Korrekturen, es
kostet ja nichts (mehr).
Als Alternative mit einer Eingrenzung des Messfelds gibt es die mittenbetonte
Ganzfeldmessung. Die Randbereiche werden weniger berücksichtigt und damit
besteht die Gefahr, dass Schatten im Randbereich absaufen oder Lichter
ausbrennen. In vielen Fällen kann das durchaus gewünscht sein um das
eigentliche Motiv einigermaßen richtig belichten zu können. Auch hier
muß man austesten, wie das jeweilige Kameramodell die Zonen im Bildfeld wichtet.
Probieren und Erfahrungswerte sammeln geht auch hier über studieren.
Der anspruchsvollste Messmodus ist die Spotmessung. Hierbei wird nur ein
kleiner, mehr oder weniger scharf abgegrenzter, Teil in der Mitte
(meist 1 bis 2 %) zur Messung genutzt. Wenn man die Spotmessung benutzt,
muß man sehr genau wissen was man anmißt, anderenfalls gilt der Satz:
"Wer mißt, mißt Mist".
Die Olympus-Kameras haben noch ein zusätzlicher Feature, welches mir
ganz besonders gut gefällt: Die Spot-Highlight-Messung und die
Spot-Shadow-Messung.
Die Spot-Highlight-Messung, von mir kurz SpotHi genannt, ist eigentlich
eine Spotmessung, die aber so ausgelegt ist, dass die Belichtung der
angemessenen Fläche ganz nahe der maximal vom Sensor und der nachfolgenden
Elektronik ohne Clipping zu verarbeitenden Helligkeit ist. Diesen Messmodus
verwende ich sehr gerne.
Spot-Shadow-Messung macht es gerade umgekehrt. Die Belichtung wird so
gesteuert, dass die Dunklen Töne nahe dem "Absaufen" (Unterbelichtung) sind.
Man muß einfach mit allen Messmethoden ausgiebig herumspielen um sie
kennen zu lernen, kostet ja nix.
Empfindlichkeit (ISO):
So niedrig wie möglich und so hoch wie nötig, um die Verwacklungsgefahr
gering zu halten. Siehe dazu die Anmerkungen zur Belichtungszeit. Jede
Digitalkamera zeigt bei höher werdenden ISO`s auch stärker werdendes
Rauschen. Auch aus diesem Grund stelle ich den ISO.Wert so klein wie möglich
ein. Bei Langzeitbelichtungen ist der kleinste ISO-Wert sinnvoll, um das
Rauschen zu minimieren. Den automatischen Dunkelbildabzug (engl. Darkframe)
sollte man eingeschaltet lassen (heißt bei Olympus meist "Rauschminderung").
Damit wird die Aufnahmezeit zwar doppelt so lang wie die die eigentliche
Belichtung, dafür sind aber auch (stark vereinfacht gesagt) die Störungen
im Bild so gut wie weg.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:31
Die Blende:
Teils wählt man den Blendenwert aus Notwendigkeit, teils aus gestalterischen
Gründen. Bei Landschaftsaufnahmen ist es meist sinnvoll, die Blende so
weit zu schließen wie die Beugung noch nicht störend in Erscheinung tritt.
Blende 11 kann man bei der "normalen Fotografie" mit einer FT-Kamera noch
bedenkenlos einsetzen. Das entspricht ja immerhin der Blende 22 bei einer
KB-Kamera. Die daraus resultierende Schärfentiefe braucht man eher sehr selten.
In der 100%-Ansicht (Aufnahmepixel = Monito-Anzeigepixel) bei einer 10 MP oder
12 MP-Kamera mit einem guten Objektiv davor ist die physikalisch bedingte und
mit nichts verhinderbare Beugung im direkten Vergleich gerade so erkennbar,
für die bildmäßige Fotografie ist das aber völlig vernachlässigbar.
Hinweis:
Große Blende = große Öffnung = kleine Blendenzahl = geringere Schärfentiefe = viel Licht geht durchs Objektiv
Kleine Blende = kleine Öffnung = große Blendenzahl = größere Schärfentiefe = weniger Licht geht durchs Objektiv
Will man per geringer Schärfentiefe bestimmte Motive von Vorder- und/oder
Hintergrund isolieren (freistellen), dann öffnet man eben die Blende
soweit es dazu nötig oder möglich ist.
Unten dazu Beispiele mit verschiedenen Blendeneinstellungen.
Bild 1: Große Schärfentieve vom Vordergrung bis zum Hintergrund.
(FT, Brennweite 12mm, Blende 7,1)
Bild 2: Definierte Schaerfentiefe für Hervorhebung ohne den Hintergrund ganz verschwinden zu lassen.
(FT, Brennweite 52mm, Blende 8)
Bild 3: Der Hintergrund wird noch unschärfer.
Bild 4: Hintergrund wird "unsichtbar", das Motiv ist "freigestellt".
(FT, Brennweite 300mm, Blende 4)
Je länger die verwendete Brennweite ist, umso deutlicher ist der Effekt
der "Freistellung" (Beispielbild 4) und umso mehr muß man die Blende schließen
wenn man eine möglichst große Schärfentiefe haben will. Das hängt vom Motiv
und vom persönlichen Geschmack ab. Damit geht auch immer eine Veränderung
der Belichtungszeit einher: Blende schließen -> längere Belichtungszeit,
Blende öffnen -> kürzere Belichtungszeit.
Die Belichtungszeit:
Ohne Stabi sollte bei FT die Belichtungszeit möglichst nicht länger werden,
als der Kehrwert der doppelten Brennweite. Beispiel: Brennweite ist 150 mm,
Belichtungszeit sollte kürzer als 1/(Brennweite x 2) = 1/300 Sekunde sein.
Wenn Bewegungsunschärfe (des Motivs) gewünscht ist, dann darf oder muß sie
auch länger sein. Sinnvollerweise macht man solche Aufnahmen mit Stativ,
denn das Verwackeln der Kamera ist die Bewegungsunschärfe der unerwünschten Art.
Das kommt aber auch auf das Motiv an. Beispiel Wasserfall: Ich will mit meinem
Weitwinkelobjektiv bei 12 mm Brennweite das Fließen des Wassers zeigen und
dazu soll ungefähr 1/30 Sekunde belichtet werden. Das kann man ohne weiteres
noch freihand halten ohne zu verwackeln. Mit Stabi ist das gar kein Problem.
Damit geht auch noch 1/8 Sekunde, aber auch nur - wie oben schon beschrieben -
mit der richtigen Auslösetechnik um das eigene Verwackeln trotz Stabi
zu verhindern.
Schärfung, Entrauschung, Kontrast, Sättigung:
Geschmacksache! Die Unterschiede von Kameramodell zu Kameramodell sind
teils enorm und auch von der Markenphilosophie abhängig. Es hilft nur
ausprobieren. Nur eines sollte man nicht tun, die kamerainterne Schärfung
zu stark einstellen! Ein Zurückholen dieser Einstellung geht nicht mehr!
Nachschärfen am PC geht aber noch. Es gilt also, den für "Jpeg out of cam"
besten Kompromiß für sich selbst zu suchen.
Eng verknüpft mit der Schärfung ist die Entrauschung. Auch diese sollte man
nicht zu stark einstellen, was auch bei schwach eingestellter Schärfung
nicht nötig ist. Bei zu stark eingestellter Schärfung wird auch das
Rauschen unnötig mitverstärkt und hier beißt sich die Katze in den Schwanz.
Besser ist es, gegebenenfalls mit einer guten Software später am PC zu
optimieren. PC-Software kann das besser und hat viel mehr beeinflussbare
Parameter zu bieten. Wer RAW's entwickelt hat das Problem nicht und kann,
oder besser muß es nach der Aufnahme nach Wunsch optimieren.
Mit dem Kontrast ist es zwar nicht ganz so kritisch, aber wenn er zu stark
eingestellt wird, kann aus den Jpeg's auch nichts mehr gerettet werden.
Also besser etwas weniger Kontrast einstellen und am PC bei der EBV etwas
zugeben. Das geht problemlos auch bei den Jpeg's. Aber auch hier gilt,
wer RAW's entwickelt ....
wolfgang_r
17.10.2010, 19:32
Die richtige Belichtung:
Eine bessere Überschrift wäre vielleicht
"Die dem Motiv angepasste Belichtung".
Am allerwichtigsten und am schwierigsten zu retten wenn etwas daneben
gegangen ist, ist die Belichtung. Sie bestimmt auch den Erfolg der
eventuell nachfolgenden Bildbearbeitung am PC ganz wesentlich mit.
Eine korrekte, nach den eigenen Anforderungen an das Bild ausgerichtete
Belichtung spart in den meisten Fällen eine nachträgliche Bearbeitung.
Außer dem Sichten und bei den nicht entsorgten Bildern mal nachprüfen
ob alles stimmt und möglicherweise einer Ausschnittkorrektur ist dann
nichts mehr zu tun. Das will was heißen, wenn man nach einem Tag mehrere
hundert Bilder im Kasten hat. Ich habe jedenfalls keine Lust mich dann
noch stundenlang mit der Nachbearbeitung zu vergnügen. Das ist etwas für
diejenigen, deren Hobby die Bildbearbeitung per EBV ist. Das ist eine sehr
reizvolle Sache, damit man mich nicht falsch versteht. Dann sollte man
jedoch von den RAW-Daten ausgehen, damit man alle Optionen offen hat.
Wenn Bilder sehr anspruchsvoll ausgearbeitet werden sollen, kommt man
an der RAW-Bearbeitung nicht vorbei. Das ist aber ein anderes sehr
großes Thema.
Zum Glück gibt es bei den DSLR's ein Hilfmittel, mit dem man direkt nach der
Aufnahme kontrollieren kann, ob die Belichtung innerhalb des Arbeitsbereichs
(Gesamtbelichtungsspielraum bei der aktuellen ISO-Einstellung) gelandet ist,
das HISTOGRAMM. Bei Kameras mit Liveview kann man das sogar während der
Darstellung auf dem Display sehen. Ein Nachteil dabei ist, daß dadurch die
Betrachtung des Motivs auf dem Kameradisplay gestört wird. Als Alternative
bietet sich die Shadow/Highlight-Anzeige an, die durch blinkende Flächen
Unter- oder Überbelichtung anzeigt. Mindestens diese habe ich immer
eingeschaltet. Wenn sie nicht blinkt, bietet sie aber keine Information
darüber, wie nah man an der Unter- oder Überbelichtungsgrenze ist.
Das Histgramm ist mein meistgenutztes Belichtungs-Kontrollwerkzeug.
Ich kann nur empfehlen, sich intensiv mit dem Histogramm und darin
steckenden Informationen zu beschäftigen. Es gibt dazu im WWW unter dem
Stichwort Histogramm eine Menge Beschreibungen.
Hier sind einige Links rund ums Histogramm (http://forum.olympioniken.de/showpost.php?p=37055&postcount=2) zusammengestellt.
Mein Grundsatz ist:
"Expose to the right!"
Was ist damit gemeint? Eigentlich ist es ganz simpel. Belichte so, dass das
Histogramm rechts unmittelbar an der Grenze endet. Aufpassen muß man nur,
dass die rechte Grenze nicht überschritten wird, denn das bedeutet
Übersteuerung des Sensors und damit ausgefressene Lichter. Daran kann dann
nichts mehr gerettet werden. Bei der Shadow/Highlight-Anzeige auf dem
Kamera-Display blinkt dann der Highlight-Bereich. Das gilt auch für RAW!
Was weg ist ist weg. Wenn man dann versucht durch Highlight-Recovery die
Lichter zu retten, wird daraus allzu oft nichts anderes als ein paar
Grauwerte mehr. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als hätte man
ein Bundesland voller eng aneinander stehender und zugedeckter Eimer
(die Pixel resp. die Fotodioden, die das Licht empfangen) und es regnet
regional unterschiedlich (das Licht, wenn es stark regnet ist es mehr Licht
pro Zeiteinheit, bei Nieselregen eben weniger). Jetzt nehmen wir bei
allen Eimern gleichzeitig die Deckel weg. Die Zeit, nach der man die Eimer
alle auf einmal auskippt und damit Eimer für Eimer die Bildpunkte zusammensetzt,
ist die Belichtungszeit. Ist diese Zeit zu lang, dann laufen regional Eimer
über und was weg ist ist eben weg. Nach dem Ausgießen des Eimers (beenden der
Belichtung) gibt es keine Information mehr darüber, wieviel übergelaufen ist.
Das andere Extrem ist, dass der Eimer leer bleibt. Diese Stelle sollte im
Bild schwarz sein, ist sie aber nicht ganz. Das hat mit physikalischen
Eigenschaften des Sensors und der nachgeschalteten Elektronik zu tun. Was
dann u. U. noch zu sehen ist, ist das berühmte Rauschen. Den ganzen Bereich
zwischen Rauschen und gerade noch nicht übergelaufen nennt man Eingangsdynamik.
Siehe unten Bild 1: RAW_JPG_Curve_Dynamic_SpotHi_Messpunkt.jpg
Das ist ein sehr umfangreiches Thema und sollte uns hier nur am Rande
interessieren, gerade so weit, wie wir uns darum bemühen das Rauschen
möglichst gering zu halten. Dazu dient dann wieder "expose to the right!"
Es gibt Situationen, da muß man sich entscheiden was man im Bild ausfressen
oder absaufen lassen will. Die beiden folgenden Bilder zeigen den Unterschied.
Siehe unten Bild 2: Bluete_ueberbelichtet.jpg
Siehe unten Bild 3: Bluete_mein_Kompromiss.jpg
Hier war es nach meinem Geschmack besser, den im Schatten liegenden Hintergrund
mehr oder weniger "absaufen" zu lassen. Ich hätte es vielleicht sogar noch ein
wenig weiter treiben können, denn noch immer sind kleine Teile des Hauptmotivs,
die weiße Blüte, ausgefressen. Es gibt eben Lichtverhältnisse, die die
Kontrastverträglichkeit der Kamera überfordern. Damit müssen wir leben,
oder zu Hilfsmitteln greifen, welche eine gleichmäßigere Ausleuchtung der
Szenerie ermöglichen. Stichworte Reflektor, Blitzaufhellung.
Eine andere Möglichkeit ist die Aufnahme mehrerer Bilder mit unterschiedlicher
Belichtung und das nachträgliche verrechnen der Bilder zu einem einzigen Bild,
Stichwort HDR. Das funktioniert im Allgemeinen aber nur bei unbewegten Motiven
und mit Stativeinsatz, denn die Bilder müssen exakt aufeinander passen. Im oben
gezeigten Beispiel hätte mir der Wind einen Strich durch die Rechnung gemacht.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:32
Meine Kamera ist immer auf "ESP"-Messung eingestellt. Nach der Aufnahme schaue
ich mir das Histogramm an. Ist es weit genug rechts und links ist noch etwas
Platz bis zur Grenze, dann lasse ich die Aufnahme wie sie ist. Ist das nicht
der Fall, dann kommt die SpotHi-Messung zu Einsatz. Damit ich direkt auf die
SpotHi-Messung umschalten kann ohne die Kamera von Auge zu nehmen, habe ich sie
auf die AEL-Taste mit dem Modus "nicht speichern" (MEMO AUS) gelegt. Der
Messwert wird so lange gehalten, wie die AEL-Taste gedrückt wird. Auf diese
Weise vergesse ich nicht, wieder auf meinen default-Messmodus, in diesem Fall
ESP, zurück zu schalten. Wird während der Haltezeit der AEL-Taste ausgelöst,
wird der damit gemessene Wert für die Belichtung verwendet.
An dieser Stelle ein Hinweis für User, deren Kamera diesem Messmodus nicht
bietet. Man kann sich das auch austesten. Dazu benutzt man die normale
Spotmessung und ermittelt einen Korrekturwert, den man bei der Spotmessung
dann einstellt. Ich habe das bei den betreffenden Kameras so gemacht, dass
ich die Weisabgleichkarte (dazu kommen wir im nächsten Kapitel) per Spotmessung
möglichst formatfüllend (um Messfehler zu verhindern) aufgenommen habe
und eine Belichtungsreihe von +0 bis zum maximalen Korrekturwert, den die
Kamera zuläßt, angefertigt habe. Den Korrekturwert, der am nächsten an
die rechte Grenze des Histgramms (aber nicht darüber!) geführt hat, habe
ich dann in Zukunft als Korrekturwert bei der "Spotmessung auf die Lichter",
also meiner persönlichen Variante des "SpotHi" verwendet. Es sollte dabei
ein Korrekturwert zwischen +1,7 EV und 2,3 EV heraus kommen.
Wenn man die Einstellung der Korrektur mal vergisst, sieht man das auf dem
Kameradisplay sofort an der extremen Fehlbelichtung.
Weil Bilder mehr sagen als Worte, zeigen die Bilder unten den SpotHi-Messfleck
auf dem Ergebnis, welches bei "Jpeg out of cam" herauskam. Die Bearbeitung der
nachfolgenden Bilder beschränkte sich maximal auf eine kleine Ausschnittkorrektur
und eine geringe Kontrasterhöhung.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:33
Der korrekte Weißabgleich:
Das mit der Auto-WB ist so eine Sache, wie eben bei jeder Automatik.
Der automatische Weißabgleich kann nicht immer stimmen, denn er reagiert auf das
Gesamtlicht was ankommt. Wenn es eine Farbdominante enthält verschiebt er die
Abstimmung in die entgegengesetzte Richtung. Aus diesem Grund verwende ich den
automatischen Weißabgleich nie. Ich bin einmal darauf geraten und prompt ging es
schief, ausgerechnet bei einer Hochzeit. Die Bilder unten verdeutlichen das
Problem glaube ich recht eindrücklich.
Wie es sein sollte zeigt Bild 4.
Eine Automatik kann nicht selektiv beurteilen worauf es dem Fotografen gerade ankommt.
So wie es für die Belichtung gilt (sonst wären ja die verschiedenen Belichtungs-
messmethoden auch überflüssig) ist es auch bei dem Weißabgleich. Ich halte es für
besser, im Zweifelsfalle eine passende aus den fest vorgegebenen Einstellungen anzuwählen.
Um den individuellen Sofort-Weißabgleich jederzeit auf einfache Weise zur Verfügung
zu haben, habe ich ihn bei der Olympus auf die Fn-Taste gelegt. Zum Abgleich selbst
verwende ich eine Weiß-Grau-Karte von Novoflex (andere gehen natürlich auch oder
die "ExpoDisc"), die habe ich mir auf ein Maß zurechtgeschnitten womit sie sowohl
in die Tasche passt als auch noch groß genug ist um bei der entsprechenden
Objektiveinstellung das Format ohne Rand auszufüllen. Die Karte geht wirklich noch
überall mit rein und ist preiswert. Die ExpoDisk ist m.M.n. teuer und braucht mehr
Platz. Sie hat aber auch Vorteile bei der Handhabung.
Der Abgleich ist in Sekunden erledigt und die Ergebnisse stimmen dann auch.
Die Karte hält man so, dass die weiße Fläche von der Lichtquelle beleuchtet wird und
richtet die Kamera so aus dass sie die Karte vollflächig ohne Rand im Sucher zeigt.
Bei gutem Wetter (Sonne mit leichter Bewölkung) entweder vormittags um ca. 10:30 Uhr
oder nachmittags ca. 15:00 Uhr mache ich den WA und damit ist der Hase gegessen.
Man kann sie auch mit einem Motiv als Referenz mal mitfotografieren und hat dann in RAW
oder auch Jpeg mit Hilfe der WB-Pipette die Möglichkeit den WA nachträglich zu optimieren.
Die Lichtstimmungen am Abend (z. B. Sonnenuntergang) oder bei starker Bewölkung werden
dann sehr "naturgetreu" wiedergegeben. Weitere Nachbearbeitung ist nicht notwendig.
Bei Kunstlicht, egal welcher Art mache ich dann wieder einen WA und die Farben stimmen.
Wenn man wie bei der E-3 mehrere Varianten abspeichern kann ist es bequemer. Mit einem
weißen Blatt Papier geht es zur Not auch, aber Papier ist gebleicht und hat meist einen
minimalen Blaustich damit es heller aussieht. Dadurch kann der WA zu einem wärmeren
Farbton verschoben werden.
Die ExpoDisk hält man vor das Objektiv und richtet die Kamera in Richtung auf die
Lichtquelle aus. Das ist einfacher als mit der Karte und man kann sicherstellen,
dass keine Abschattungen oder stark farbige Flächen in der Nähe durch ihre Reflexion
die Messung verfälschen.
Eine Anmerkung zum Weißabgleich bei Schnee:
Schnee hat keine Eigenfarbe. Er nimmt die Farbe der ihn beleuchtenden Umgebung an.
Besonders deutlich sieht man das bei abendlichen Aufnahmen bei klarem Himmel in
noch sichtbarer Sonne. Die im Sonnenlicht befindlichen Schneeflächen werden rötlich,
die im Schatten werden blau. Grundsätzlich gilt das für alle Motive, aber beim Schnee
ist es extrem gut zu sehen. Hier ein Beispiel aus der E-3 (http://www6.pic-upload.de/09.01.11/zdm4w8juhdj8.jpg) um 10 Uhr Vormittags.
Der in der Sonne liegende Schnee ist der Urzeit und dem WA entsprechend nahezu neutral,
der im Schatten liegende Schnee ist vom blauen Himmel beleuchtet entsprechend blau.
Das Farbspiel des Schnees kann je nach Tageszeit und Beleuchtung sehr reizvoll sein.
Damit diese Stimmung nicht zerstört wird würde ich nie den automatischen WA verwenden.
wolfgang_r
17.10.2010, 19:34
Nur mit Streulichtblende!
Ich mach's kurz. Niemals ohne!
Es soll ja Hobbyfotografen geben, die meinen eine Streulichtblende
hätte keinen Einfluss auch die Bildqualität. Um diesen Irrtum aufzuklären
habe ich einen kleinen Versuch gemacht. Es sollte auch keine
wissenschaftliche Untersuchung sein, sondern nur ein Vergleich unter
praxisnahen Bedingungen, die im Fotoalltag vorkommen können. Für genaue
Messwerte müsste man das im Optik-Labor machen. Die Ergebnisse des Versuchs
zeigen aber, dass die Unterschiede auch ohne Laborversuch deutlich ausfallen.
Versuchsaufbau:
Kamera: E-520
Objektiv: ZD 25/2,8
ISO 100
Alle Parameter auf 0 und Gradation Normal.
Indiv.Weißabgleich auf die weiße Karte.
Einen Karton 50cm x 40cm und 25cm tief habe ich mit einer schwarzen,
flauschigen Polyesterdecke ausgelegt, um ein dunkles Loch zu simulieren.
Da hinein ungefähr in die Mitte und am vorderen Rand des Kartons habe
ich meine Weißabgleichkarte plaziert.
Die Belichtung wurde mit SpotHi auf die weiße Karte gemessen.
Für das Pancake habe ich mir eine Gummi-Falt-Streulichtblende gekauft.
Obwohl sie nicht genau auf den Bildwinkel abgestimmt ist, ist die Wirkung
unübersehbar. Die Kamera habe ich so ausgerichtet, dass bei abgenommener
Streulichtblende das direkte Sonnenlicht gerade voll auf die Frontlinse
scheint, die Sonne aber nicht im Bildfeld sichtbar ist.
Auch bei Objektiven mit wenig Linsen und längerer Brennweite ist also
die Wirkung nicht unbedeutend.
Bei Bild 2 nochmal im direkten Vergleich und mit Kontrasterhöhung + 20%.
Sodele, das war eine kurze Einführung in die Digitalfotopraxis ohne Umwege.
Jetzt fehlt nur noch eines .... üben, üben, üben ....
wie Hermann (FREEWOLF) es an anderer Stelle schon geschrieben hat.
Viel Spaß und immer gutes Licht wünscht Euch
Wolfgang
wolfgang_r
17.10.2010, 20:04
Wenn es zu diesen Praxisleitfaden noch Anregungen oder Fragen gibt, dann bitte in diesem Thread (http://forum.olympioniken.de/showthread.php?t=3187).
Den hat Uschi speziell für Fragen zu den in diesem Bereich befindlichen Tipps und Links eingerichtet.
Nach Absprache mit der Moderation wird dieser Thread hier geöffnet und ich werde dann die Wünsche so gut ich kann erfüllen.
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